Was ist eigentlich ein Europäer? Ein Bewohner Europas, die Staatsbürger aller europäischen Länder oder nur die Bürger der Europäischen Union – und hat das für mein Leben Relevanz?
Ich bin in Belgien geboren und in Flandern aufgewachsen, die flämische Kultur und das Wesen habe ich mit der Muttermilch aufgesogen. Flämische Kultur schmeckt nach humorvoller Spitzfindigkeit und belgischem Bier mit Pommes. Als junger Mann wohnte und arbeitete ich zehn Jahre in Wallonien und habe dort muttersprachenähnlich Französisch gelernt – beim Leben auf „der Straße“. Gearbeitet habe ich in einem amerikanischen Konzern, wo alles auf Englisch lief. Seit über 30 Jahren lebe ich jetzt schon im arbeitsamen Hessen. Der Hesse ist engagiert und belastbar, aber das belgische Bier schmeckt mir immer noch viel besser als das saure Gesöff aus Äpfeln. Hessen ist ähnlich wie Flandern, aber Frankfurt ist besser als Brüssel.
Ein Europäer ist für mich jemand, der in Europa geboren ist, mehrere europäische Sprachen muttersprachenähnlich spricht und mehrere Jahre im europäischen Ausland gelebt hat. In so einem Setting entwickelt sich eine europäische Identität, wo die Nationalregierungen überflüssig werden. Wir bräuchten nur die EU und die Regionalregierungen, dann könnte man auch in Europa keinen Krieg mehr führen, denn die Armee von Baden-Württemberg kommt nicht nach Belgien. Den Nationalstaat brauchen wir nur für unsere Identität als Deutsche oder Franzosen.
Fahren Sie mal nach Frankreich, auf einmal sind Sie in einer völlig anderen Kultur. Ich schätze die positiven Aspekte des Lebens in der flämischen, in der wallonischen und in der hessischen Kultur. Und Sprache, das ist auch Kultur. Für die Kommunikation innerhalb Europas ist Englisch notwendig und hinreichend. Es ist doch eine Zumutung, dass die Spanier Deutsch lernen und die Deutschen Französisch lernen müssen. In der Komplexität der Sprache ist Englisch das einfachste Instrument und sollte ausreichen, um in jedem europäischen Land leben zu können.
Ich als Belgier – die Belgier hatten in meiner Jugend eine spanische Königin, Königin Fabiola – habe Spanisch als Hobby gelernt. Mein erster Satz war: Ich lerne Spanisch für den Fall, dass ich die Königin treffe: „Aprendo español por si acaso encontramos la reina.“ Sprache einfach so zu lernen, ohne die Anwendung im Alltag, ist ein Hobby wie Trompete spielen. Mein Lehrer war exzellent, er hat super unterrichtet, und zwar ohne Buch, Kuli und Papier. Bis auf diesen Lehrer habe ich in der Schule nix gelernt.
Als junger Familienvater wollte ich in Restaurants immer große Portionen bestellen und so habe ich den Satz „Ich hätte gerne eine Holzfällerportion.“ in sieben europäischen Sprachen gelernt. Von den Kellnern in den Restaurants, zu denen wir gingen:
Diese europäische Prägung begleitet mich bis heute. Sie hat mich gelehrt, genau hinzuhören, Zwischentöne wahrzunehmen und Menschen nicht vorschnell in Schubladen zu stecken. Gerade in der Personalberatung ist das für mich wesentlich: Es geht nicht nur um Qualifikationen, sondern darum, ob Menschen, Aufgaben und Unternehmen wirklich zueinander passen.
Was lernen Sie bei Ihrer nächsten Begegnung mit einem Europäer? Denn hier wird Europa persönlich und auch im echten Leben relevant und bereichernd. Ich freue mich auf Ihre Kommentare.